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Kreuzberg- Migration, Protest und Luxus in Berlins bekanntestem Viertel

Eine Führung durch Kreuzberg bekamen die Teilnehmer der Erasmus-Studienfahrt durch „StattReisen – Berlin“. Die drei Guides Jonas, Lotte und Angela begleiteten die Kurse durch das Viertel und verdeutlichten ihnen an markanten Punkten die Migrationsgeschichte dieses Bezirks. Hier der Bericht von Nicole Henk und Cindy Chau aus dem Seminarfach „Flucht und Migration in Pop, Film und Literatur“, die von Lotte geführt wurden.

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Kreuzberg war vor dem Mauerfall 1989 ein Randbezirk Berlins und liegt heute in der Mitte der Hauptstadt. Aufgrund der hohen Zahl an Bewohnern mit türkischen Wurzeln, seine vielen türkischen Cafés, Restaurants und Bäckereien ist Kreuzberg auch als „Klein-Istanbul“ bekannt.

Neben der Gastronomie gibt es zahlreiche Mietwohnungen, die ab 1980 instand besetzt wurden. Zunächst nur besetzt, später dann auch renoviert, um zu verhindern, dass die alten verfallenden Häuser abgerissen werden, und um dort leben zu können. Mit der Zeit stiegen die Mietpreise und heute sind die Mietpreise teilweise so hoch, dass insbesondere die Migranten ihre Häuser und damit ihr Viertel verlassen müssen.

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 Die Jens-Nydahl-Grundschule an der Admiralstraße besuchen fast ausschließlich Schüler mit Migrationshintergrund. Mit falschen Adressen versuchen Bewohner des Viertels, den Schulbezirk zu umgehen und ihre Kinder an anderen Grundschulen anzumelden. So  trennt die Jens-Nydahl-Grundschule die sozialen Schichten voneinander.

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Die Admiralstraße ist durch das Monument des „Doppelten Admirals“ gekennzeichnet. Das Denkmal erinnert an Heinrich Wilhelm Adalbert von Preußen, Admiral der preußischen Marine, aber auch an den Zeitverlauf. Der Admiral steht in Bronze auf einer Sanduhr. Sucht der Admiral mit dem Fernglas die alte inzwischen durch Abriss stark veränderte Admiralstraße?

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Ein weiteres Denkmal in Kreuzberg ist die Kesim-Gedenkstele, die an den türkischen Kommunisten Celalettin Kesim erinnert, der am 5. Januar 1980 bei einer Protestaktion gegen die drohende Militärdiktatur in der Türkei von den sogenannten Grauen Wölfen, türkischen Rechtsextremisten, ermordet wurde.

 

Historisch spielen Juden eine große Rolle in Kreuzberg. Von 1913 bis 1916 wurde die Fraenkelufer Synagoge errichtet. Diese Synagoge war sehr groß und wurde in der Pogromnacht von 1938 von Nationalsozialisten niedergebrannt. Das beschädigte Hauptgebäude wurde 1958 abgerissen und erhalten blieb nur die frühere Jugend- und Wochentagessynagoge, die heute ein jüdisches Gemeindezentren ist. Dass Juden auch 2019 nicht unbehelligt in Deutschland leben können, macht die Polizeipräsenz vor der Synagoge deutlich. Am Samstag, dem jüdischen Sabbat, stehen Polizeiwagen an beiden Seiten der Nebenstraße und auch wochentags wird die Synagoge bewacht. Seit 1991 ist die jüdische Gemeinde durch sogenannte Kontingentflüchtlinge angewachsen. Als „Kontigentflüchtlinge“ wurden Menschen mit jüdischen Vorfahren ermöglicht, aus den ehemaligen Sowjetstaaten nach Deutschland einzureisen.

Auch bekannt aus dem Roman ,,Gehen Ging Gegangen“ von Jenny Erpenbeck spielt der Oranienplatz eine wichtige Rolle für Berlin, besonders aber für Flüchtlinge der letzten Jahre. Auf dem Oranienplatz haben zwischen 2012 und 2014 Flüchtlinge in einem Protestcamp  gelebt, um gegen den Umgang mit Asylbewerbern zu protestieren. Die Aktivisten versammelten sich und kampierten monatelang auf dem Platz, um für ihr Aufenthaltsrecht zu kämpfen. Einen großen und durch den Investor gewollten Kontrast bildet dazu das Luxushotel Orania. Die großen Scheiben wurden mehrfach eingeschlagen und inzwischen werden sie nicht mehr ausgewechselt. Graffiti und beschädigte Scheiben weisen auch im Orania auf die Protestgeschichte des Viertels hin.

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