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“Das Heimatkleid” im Grips-Theater, Berlin

Rezension von Mohamed Said (Q34)

Während ihrer Erasmus-Studienfahrt nach Berlin besuchten die Teilnehmer des Seminarfachs „Flucht und Migration in Pop, Film und Literatur“ die Aufführung von “Das Heimatkleid” im Berliner Kinder- und Jugendtheater Grips- Podewill.

Im Mittelpunkt des Stücks steht Claire, gespielt von Katja Hiller, welche trotz ihrer Augenringe vor Energie strotzt. Katja Hiller ist die einzige Schauspielerin und sie verkörpert mehrere Figuren in ihrem sechzigminütigen Monolog. Ihre Hauptfigur Claire ist eine junge Frau, die sich um Wohnung, Hund Flocke und Fashionblog der Schwester kümmern muss. Die Schwester hat Claire eine Gebrauchsanleitung und einen Karton hinterlassen. In diesem steckt das blau-weiß-rote Heimatkleid, welches Claire beim Interview mit der Designerin von “Heimatkleid” tragen soll. Das Konzept von "Heimatkleid"  findet Claires Sympathie. Ihr gefällt die Idee von einem ökologisch nachhaltigen Kleid, bei dessen Herstellung bewusst auf die Produktion in Armutsländern verzichtet wurde und von dem die Herstellerin stolz behauptet, dass es "komplett deutsch" sei. Das Interview wird von einer wütenden Menge unterbrochen, welche rote Farbbeutel an die Fenster schmeißt und “Nazis raus” brüllt. Claire kann dies nicht nachvollziehen und ist verwirrt. Die Designerin hilft ihr, das Heimatkleid richtig zu binden. Kann ein so netter Mensch ein Nazi sein? Nachdem Claire das verstörende Interview beendet hat, bekommt sie zurück in der Wohnung der Schwester das festgeschnürte Heimatkleid nicht mehr aus. Sie bittet ihren attraktiven Nachbarn Tom um Hilfe. Der hilft aber nicht wirklich, sondern holt einen Werbeballon der Partei “DH” und predigt ihr am Beispiel von Gewürzen, wie schlecht Mischungen seien. Die sonst so lebhafte Claire wird immer nachdenklicher. Ihr innerer Konflikt wird von einem äußeren gespiegelt. Die Nachbarn streiten sich und dieser Streit eskaliert nach dem Tod von Flocke, dem Schäferhund. Der offen fremdenfeindliche Tom verdächtigt den neu eingezogene Syrer Al Sayed und Claire glaubt ihm zunächst.

Katja Hiller spielt ihre verschiedenen Rollen sehr überzeugend. Die prallen Farben ihrer Kleidung stechen vor dem weißen Hintergrund heraus und leiten den Fokus auf sie. Zudem ist sie Teil eines perfekt eingespielten Dreiergespanns, bestehend aus dem Live-Musiker Johannes Gehlmann und einem Beleuchter, mit dessen Hilfe atmosphärisch dicht und ohne Verzögerungen das Bühnenbild umgestaltet wird. Ihr perfektes Timing zeigt von großer Erfahrung des Teams.

Das Bühnenbild ist ebenfalls sehr ausdrucksstark. Auf der riesigen Tapete befindet sich das realistische Portrait des Schäferhundes Flocke. Die Augen von Flocke leuchten zwischenzeitlich auf, und aus dem niedlichen Hund wird eine Bedrohung. Flocke ist eine der vielen Metaphern des Stücks und versinnbildlicht einen neu erstarkten Faschismus. Die Audioaufnahmen mit rechtem Gedankengut unterstützen diese Metaphorik.

Parallel zur Veränderung des lieben Haustiers zum bedrohlichen Jäger verändert sich auch der tolle Nachbar Tom zum hetzenden Neonazi. Auf die rechtspopulistische Partei der AFD wird nicht nur durch die verunglimpfenden Äußerungen Toms, sondern auch durch die Farben des Heimatkleids mehr oder weniger direkt angespielt. Dieses Kleid erstickt Claire fast und sie hat große Schwierigkeiten, es wieder loszuwerden. Das Stück macht so deutlich, dass neofaschistisches Gedankengut hübsch und harmlos daherkommen kann und es nicht leicht ist, dieses wieder abzulegen.

Bei der Uraufführung im September 2017 wurde „Das Heimatkleid“ als Stück der Stunde gepriesen und es bleibt auch ein gutes Jahr später aktuell und empfehlenswert, auch wenn die von Katja Hiller verkörperten Figuren durchaus die Karikatur streifen und in diesen Überspitzungen nicht durchgehend authentisch sind. Am Ende der Aufführung zeigten sich Mitwirkende und Zuschauer sehr zufrieden. Die Zuschauer drückten ihre Anerkennung durch anhaltenden Applaus aus.